Dalberger Hof: Polizeigefängnis - Verschleppung der Mainzer Sinti (Klarastraße 4)

Der Dalberger Hof, seit 1827 im Besitz des Großherzogtums Hessen und als Gerichtsgebäude genutzt, war 1715-18 von Kaspar Herwarthel als Stadtsitz der Barone von Dalberg errichtet worden. 1850 fanden hier die Hochverratsprozesse gegen 77 Mainzer und rheinhessische Demokraten statt. Seit den 1920er Jahren beherbergte das barocke Palais die Polizei mit Staats- und Amtsanwaltschaft, das Untersuchungs- und das Bezirksschöffengericht. Außerdem waren hier das Polizeigefängnis sowie die Luftwarnzentrale untergebracht.

In den ersten Jahren nach der „Machtergreifung" waren zahlreiche politische Häftlinge im Keller des Gebäudes eingesperrt. Nach 1939 zählten zunehmend auch Juden und ausländische Zwangsarbeiter zu den Gefangenen. Den Angaben des Gefangenenbuches B zufolge durchliefen allein in der Zeit vom 12. September 1943 bis zum 27. Juli 1944 1.968 Personen das Gefängnis im Keller des Dalberger Hofes. Viele dieser Häftlinge wurden an die Konzentrationslager Buchenwald, Ravensbrück, Dachau und Auschwitz oder an das SS-Sonderlager Hinzert im Hunsrück überführt. Bei den Häftlingen war das Gefängnis wegen seiner ständigen Überfüllung und aufgrund der starken Verwanzung berüchtigt.

Im Rahmen der von Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern durch Schnellbrief am 27. April 1940 angeordneten reichsweiten Aktion, wurden in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 1940 auch in Mainz etwa 100 Sinti - wie im übrigen Rheinhessen und der Pfalz - von mehreren Kommandos der Schutz- und Kriminalpolizei verhaftet. Von ihren Wohnungen wurden die Familien – unter ihnen auch kleine Kinder – in das Polizeigefängnis in der Klarastraße gebracht. Bereits am darauffolgenden Vormittag erfolgte die Deportation vom Mainzer Güterbahnhof in einem Sonderzug in das Sammellager Hohenasperg bei Stuttgart. Mit demselben Zug wurden auch 160 Pfälzer, 80 Wormser und 18 Ingelheimer Sinti verschleppt. Noch im Mai 1940 rollten Züge aus den Lagern Hohenasperg, Hamburg und Köln mit etwa 2.800 deutschen Sinti und Roma nach Polen. Am 25. Mai meldete die Mainzer Gestapo an die Hauptdienststelle in Darmstadt, dass die Stadt „zigeunerfrei" sei.

Die Tatsache, dass es bei dieser ersten großen Deportation als "fremdrassig" eingestufter deutscher Bürger keinerlei Proteste in der Bevölkerung oder seitens der Kirchen gab, ermutigte die Nationalsozialisten auf dem Wege zur Vernichtung der Sinti und Roma sowie der Juden fortzufahren.

Bei einem Luftangriff wurde der Dalberger Hof so stark beschädigt, dass der Gefängnisbetrieb nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Man verlegte die Häftlinge, die zuvor immer wieder zu Aufräumarbeiten nach Bombardierungen herangezogen worden waren, in Lager in der Umgebung von Mainz.

Nach dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit zunächst wieder von der Polizei; dann von der Stadtverwaltung und zuletzt durch das Peter-Cornelius-Musikkonservatorium genutzt, wurde das sanierungsbedürftige barocke Gebäude 2007 an einen privaten Investor verkauft und dient heute Wohnzwecken.