• Verfolgung

Verfolgung

Wie in anderen Städten und Gemeinden auch, wurden auch in Mainz zahlreiche Menschen Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Betroffen waren dabei politisch Verfolgte, die als erste direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als Gegner inhaftiert wurden, homosexuelle Männer und Frauen, aus religiösen Gründen verfolgte, sowie die aus rassischen Gründen verfolgten Sinti und Roma und Menschen jüdischen Glaubens.
Das Schicksal der jüdischen Gemeinde in Mainz soll im folgenden exemplarisch die Verfolgung der größten Opfergruppe näher schildern.

Eine Anzeige informiert die Kundschaft über die "Arisierung" des Möbelgeschäftes Ganz, 1937

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Mainz Anfang März 1933 wurden zunächst die ersten jüdischen Beamten, beispielsweise der Direktor der städtischen Musikschule, Hans Gál oder der Beigeordnete Epstein, entlassen. Bereits am 9. März 1933 war es in der Stadt zu ersten Boykottaktionen der SA gekommen, die den Eingang jüdischer Geschäfte besetzte. Dies wiederholte sich reichsweit am 1. April 1933. Mit immer neuen Verordnungen wurden Juden nach und nach aus dem öffentlichem Leben verdrängt. So durften jüdische Ärzte nur noch Juden behandeln. Auch aus dem wirtschaftlichen Leben wurden die Juden verdrängt und ihre Geschäfte wurden „arisiert“, d.h. von Deutschen übernommen, beispielsweise das Herrenbekleidungsgeschäft Scheuer & Plaut, das Möbelhaus Ludwig Ganz oder die Sonnenbrauerei. Aufgrund dieser Maßnahmen wanderten zahlreiche Mainzer Juden aus.

Die zerstörte Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße wird abgebrochen, 1938

Bei den Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch in Mainz zahlreiche männliche Juden verhaftet, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und Juden misshandelt. Die Synagoge der orthodoxen Juden in der Flachsmarkstraße wurde  von SA und SS-Horden verwüstet und das Mobiliar verbrannt, die Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße wurde vollständig durch Feuer zerstört.

Am 20. März 1942 wurden 468 Juden am helllichten Tag aus ihren Wohnungen abgeholt und zunächst in die Turnhalle der Feldbergschule gebracht. Die jüdische Gemeinde musste für diesen Zweck ein Matratzenlager einrichten und die Verpflegung organisieren. Juden aus so genannten Mischehen wurden als Helfer herangezogen. In der folgenden Nacht wurden die Menschen auf Lastwagen zum Güterbahnhof gebracht. Am 27. September 1942 folgten weitere 453 Mainzer Juden, am 30. September noch einmal 178. Sie durften lediglich leichtes Handgepäck mitnehmen, kein Geld oder Wertgegenstände. Auf einem Pappschild waren ihr Name und eine Nummer vermerkt. Das jüdische Krankenhaus in der heutigen Fritz-Kohl-Str., in dem nach der „Reichskristallnacht“ viele vor allem ältere Juden Unterschlupf gefunden hatten, wurde komplett samt Ärzten und Pflegepersonal abgeholt. Ein Sonderzug der Reichsbahn führte über Darmstadt in das Lager Piaski bei Lublin, nach Theresienstadt bei Prag oder direkt in die Vernichtungslager. Viele Juden, die von ihrer bevorstehenden Deportation erfahren hatten, begingen Selbstmord. Am 10. Februar 1943 wurden noch einmal 53 deportiert. Nach dem Einmarsch der Amerikaner, lebten nur noch etwa 60 Juden in Mainz, die entweder mit Nichtjuden verheiratet waren oder in Verstecken überlebt hatten

Weiterführendes zum Thema:

Angelika Arenz-Morch: Wegen "wehrkraftzersetzender Äußerungen" hingerichtet. Das Schicksal der Wormser Elisabeth Groß und der Nachfolgeprozess gegen ihre Denunziaten, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 146-160. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Hartmut Bohrer: "Lobenswertes Entgegenkommen der Reichsbahn" - Die Deportation der Familie Lehmann, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 135-141. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Michael Brodhaecker: Die jüdischen Bezirksschulen in Mainz und Worms - "Normalität" in schwerer Zeit, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 52-74. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Hedwig Brüchert: Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und gestig behinderter Menschen, in: Der Nationalsozialismus in Mainz 1933-45. Terror und Alltag, hrsg. v. d. Stadt Mainz, Redaktion: Wolfgang Dobras (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, Bd. 36), Mainz 2008, S. 79-93. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Tillmann Krach: Die Verfolgung und Ermordung der Mainzer Anwälte jüdischer Herkunft, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 7-26. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Barbara Prinsen-Eggert: "...Erinnerung ist das Tor zur Erlösung". Erinnerungen und Berichte zum alltäglichen Leben jüdischer Schülerinnen der ehemaligen Mainzer Höheren Töchterschule in den dreißiger Jahren, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 75-85.  [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]

Winfried Seibert: Der Dolgesheimer Mord. Der Tod des Juden Julius Frank im Frühjahr 1933 - Eine Annäherung, Mainzer Geschichtsblätter Heft 12, S. 27-51. [pdf-Dokument, ohne Abbildungen]